Reutlinger General-Anzeiger vom 8.Mai 2007
Virtuoses Miteinander
PFULLINGEN. Geschichte verläuft kontinuierlich (und deshalb ohne wirkliche Brüche), und auch in der Musikhistorie kommt nichts so ganz von heut' auf morgen. Dennoch darf man die Jahre um 1600 mit einigem Recht als einen der größten Einschnitte in der Entwicklung der abendländischen Musik bezeichnen. Und eben jenem damals neu kreierten »stile moderno« hat die Konzertreihe in der Pfullinger Klosterkirche am Samstag einen Abend mit der Capella Caesarea gewidmet. Ein musikalisch ungewöhnlich reicher Abend, das sei gleich vorneweg gesagt.
Reich schon, weil die frühbarocke Instrumentalmusik selbst die Mannigfaltigkeit in Ausdruck, Tempo und Charakter liebt und der Capella Caesarea jene Wechsel an Stimmungen und Farben wie aus einem Guss gelingen. Es ist neben der Virtuosität des Einzelnen gerade auch das Miteinander, das imponiert: die hohe Kunst des Ensemble-Spiels. Bei allem wechselnden Hervortreten ist da keine Einzelstimme, die sich herauslöst, auftrumpft, sich ganz exponiert. Bei aller Prägnanz keinerlei Schroffheit. Und das auch, weil die Bläsergruppe um Jennifer Harris (Dulzian), Hans-Jakob Bollinger (Zink) und Peter Stelzl (Posaune) überaus behutsam zu Werke geht.
Souveräner Generalbass
Mehr als souverän: der Generalbass von Andrea C. Baur (Chitarrone und Barockgitarre) und Evelyn Laib (Truhenorgel und Virginal), die beide auch solistisch beeindrucken. Laibs Toccata am Virginal: ohne jeden Makel. Und Baur gestaltet an der Chitarrone (einer mannshohen Basslaute) vor allem die spritzige Canarie von Girolamo Kapsberger mit einer so fein justierten Dynamik, die allein schon allem Gleichförmigen entgegen wirkt.
Mit einer Sonate aus Biagio Marinis »Variata per il Violino« zeigt Rachel Harris die gesamte Ausdrucksbreite ihres virtuosen Geigenspiels, und Peter Stelzl beweist im Duett mit ihr höchste technische Finesse, wo Dario Castello in seinen Anforderungen an die Posaune wenig bescheiden ist. Am Ende gibt es langen Beifall für das sechsköpfige Ensemble. Und noch einmal eine Kanzone fürs Publikum. (nie)
