Musik und Text in raffiniertem Wechselspiel

„Ein Teutsches Lustgärtlein“: Capella Caesarea mit Klaus Hemmerle im Alten Rathaus

Bekäme man die Möglichkeit, eine Zeitreise zu unternehmen, würden wohl die wenigsten die Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Betracht ziehen. Dass diese Zeit durchaus ihren Reiz haben kann, zumindest wenn man sie als Konzertbesucher im Alten Rathaus erlebt, bewies das Ensemble „Capella Caesarea“ am Freitag bei seinem Auftritt unter dem Titel „Ein Teutsches Lustgärtlein“ mit dem Stuttgarter Schauspieler Klaus Hemmerle.
Der Begriff „Lustgärtlein“ entstammt dem 17. Jahrhundert und bezeichnet musikalische und literarische Sammlungen. In der Aufführung der „Capella Caesarea“ wird Musik des 17. Jahrhunderts in historischer Aufführungspraxis im Wechsel mit Hemmerles Lesung von Texten aus Grimmelshausens „Simplicissimus“ dargeboten. Was zunächst unvermittelt nebeneinander herzulaufen scheint, fügt sich schon bald zu einem raffinierten Ganzen.
Die sechs Musiker beginnen mit Matthias Weckmanns (1619 – 1664) Sonate II à 4 und finden umgehend in ihr hervorragendes Zusammenspiel. Das Ensemble musiziert atmend und lebendig, jeder Musiker hat das Wesentliche seines Parts ebenso im Blick wie das Ganze, und so entsteht – befreit von unnötigem Beiwerk – eine wunderbare, vollkommen emotionale Interpretation, die technisch so leichtfüßig daherkommt, dass sie den Zuhörern direkten Zugang zur Komposition eröffnet. Wie überzeugend ein gemeinsam erarbeitetes musisches Verständnis klingen kann, wird hier eindrucksvoll deutlich.

Eindringlich und vital

In Hemmerle hat sich ein kongenialer Rezitator gefunden. Er trägt die Texte Grimmelshausens nicht nur eindringlich und vital vor, sondern findet seinen Platz im Ensemble durch eben jenen Ansatz, der auch die Musiker auszeichnet: Ganz im Dienst des Textes verzichtet er auf demonstrativen schauspielerischen Gestus und findet dadurch zum Kern der Literatur, die besonders in den Dialogpassagen ihre volle Wirkung entfaltet.
Großartig geraten die Momente des Abends, in denen einzelne Instrumente Textpassagen begleiten oder die Musik bereits in den letzten Sätzen einer Passage einsetzt. Besonders hier wird deutlich, wie überlegt Musik und Text konzeptuell miteinander verbunden wurden.
Den Dreißigjährigen Krieg möchte man hernach trotzdem nicht am eigenen Leib erleben.
Aber wie meisterlich Hemmerle und die „Capella Caesarea“ ein Stimmungsbild dieser Zeit gezeichnet haben, hat das Publikum zurecht begeistert.
Christoph Jensen
Göttinger Tageblatt, 13. November 2007

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