"Wasserburger Zeitung" vom 24. September 2008

Der Streit ist so alt wie die Idee. Während die Verfechter historischer Aufführungspraxis seit Jahrzehnten um jedes Quäntchen Authentizität ringen, ihre sorgfältig den epochentypischen Vorbildern nachempfundenen Instrumente munter mit Darmsaiten bespannen und oft nicht einmal vor adäquater Kleidung zurückschrecken, kanzeln überzeugte Gegner das Konzept lautstark als pseudo-historische Effekthascherei ab. Warum die antiquierte Barockposaune wählen, wenn ihr modernes Pendant in Klang und Handhabung überlegen ist? Wieso die Technik limitieren, wenn es nicht notwendig ist?
„Capella Caesarea“ geben auf die alte Frage ihre ganz eigene Antwort: Eingerahmt durch das ungemein stimmungsvolle Interieur des bis auf den letzten Platz besetzten Wasserburger Rathaussaals, beschließt das Sextett die diesjährige Rathauskonzertreihe mit italienischem Frühbarock auf originalgetreuen Instrumenten. Der Gruppe gelingt damit mühelos ein kaum für möglich gehaltenes Kunststück – alter Wein in alten Schläuchen, der nichtsdestotrotz frisch, lebendig und befreiend unverkrampft wirkt.
Der Fokus des Programms „In stile moderno“ liegt auf der gleichnamigen Strömung, welche die italienische Musiklandschaft der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts auf den Kopf stellte. Dominierten noch wenige Jahre zuvor zentraleuropäische Vorbilder die Kirchen und Konzertsäle, setzte sich mit der Jahrhundertwende ein neuartiges Kompositionsverständnis durch: Instrumente emanzipierten sich vom Gesang, Affekt und damit völlig neuartige Anforderungen an die Harmonik brachen durch, und wo zuvor Strenge und Schlichtheit herrschten, übertrafen sich die Musiker nun gegenseitig mit reichhaltiger Verzierung und Aufmerksamkeit heischender Virtuosität. Was das konkret bedeutet, machen „Capella Caesarea“ rasch deutlich: Sorgfältig inszenierte Dramaturgie, fein ziselierte Dynamik und quirlige Crescendi verwandeln Giovanni Rovettas „Canzon seconda“ in ein heiteres, mitreißendes Schaustück, während schon kurz darauf Adriano Banchieris „La Organistina Bella“ die in der Phase neu definierte Stellung des Gefühls verdeutlicht. Gestützt von Evelyn Laibs klarem, transparentem Orgelspiel entfaltet sich nach und nach ein feinsinnig herausgearbeiteter, vor Melancholie schier berstender Dialog mit dem restlichen Quintett. Das machtvolle Bassthema, das Jennifer Harris dem Dulzian mit Kraft und Präsenz entlockt, trägt Giovanni Bassanos Variation von Palestrinas „Tota pulchra es“ zu den von Hans-Jakob Bollinger am Zink versiert verzierten Wehklagen des Mittelteils.
Geschickt experimentiert das Sextett mit der ungewöhnlichen Positionierung der Musiker, die in den Kirchen des Barock schon aus akustischen Gründen absolute Notwendigkeit war. Während also das eine Trio bei Niccolo Corradinis Sonate „La Golferamma“ auf der Bühne verweilt, erklingt das Spiel der anderen Hälfte von der Balustrade – und was anfänglich nur wie ein visueller Scherz wirkt, entwickelt durch ungewohnte Stereophonie schnell einen eigenen Charme. Laib interpretiert Girolamo Frescobaldis „Toccata settima“ am Cembalo mit analytischer Präzision und klar akzentuierter Harmonieführung, während das allzu heftig artikulierte Vibrato der Barockgeigerin Rachel Harris hin und wieder über das nötige Maß hinausschießt und Posaunist Peter Stelzl vor allem zu Beginn vernehmlich mit der Intonation hadert. Als klarer Höhepunkt der quer über das Programm verteilten Solo-Auftritte entpuppt sich Girolamo Kapsbergers gänzlich auf Begleitung verzichtende „Toccata seconda arpeggiata“: Andrea Baur füllt die fiebrig an- und abschwellenden Arpeggi mit ungeahntem Leben, verleiht den emotionsgeladenen Harmonien am überdimensionalen Chitarrone gleichzeitig luftige Transparenz und schwere Dramatik und führt das Werk über die kunstvoll eingesetzte ostinate Bassfigur zu einer furios inszenierten Klimax.
Es ist gerade der raffinierte Wechsel zwischen den musikalischen Extremen, zwischen Intimität und Klangfülle, zwischen gravitätischer, erhabener Tragik und heiteren, harmlosen Tänzen, der „In stile moderno“ zu einem hochklassig in Szene gesetzten Konzerterlebnis macht. Geschichtlich korrekt ist hier nur, was sinnvoll ist, die Musik tatsächlich unterstützt, eine längst vergangene Epoche zu neuem Leben erweckt. Und damit geben „Capella Caesarea“ der historischen Aufführungspraxis ein schlagendes Argument an die Hand.
(Aljoscha Leonhardt)

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